»Wir hatten da noch eine Rechnung zu begleichen...«

Tageszeitung junge Welt
09.04.1999 / Thema

Vor 28 Jahren erschoß die bolivianische Befreiungsfront ELN in Hamburg den Mörder Che Guevaras
Von Till Meyer


Die ältere Dame mit dem graumelierten Haar und der modischen, dunkel getönten Brille hatte es nicht eilig. Geduldig wartete sie im Vorzimmer des bolivianischen Generalkonsulats im vornehmen Hamburger Stadtteil Eppendorf, bis die deutsche Sekretärin des Konsuls sie um 9 Uhr 40 endlich nach ihren Wünschen fragte. Es war Donnerstag, der 1. April 1971. Der Sekretärin, Elke B., war die Frau bereits bekannt. Schon vor einer Woche hatte sie sich als australische Anthropologin telefonisch angemeldet und die Erteilung eines Visums für Bolivien beantragt. Sie wolle dort, direkt vor Ort, anthropologische Studien betreiben. Ob man ihr nicht auch Fotos und Spezialkarten aus Bolivien überlassen könne, damit sie sich richtig einstimmen und zurechtfinden könne. Die Sekretärin bejahte und führte die Besucherin in das Dienstzimmer des Konsuls.

Konsul Roberto Quintanilla Pereira, im vollen Wichs seiner Obristenuniform, begrüßte die Dame freundlich und bat sie zu sich an den Schreibtisch. Dann ging alles ganz schnell. Plötzlich hatte die Frau eine Pistole in der Hand. Von zwei Schüssen in der Brust getroffen, brach der Konsul sterbend zusammen. Ein dritter Schuß verfehlte ihn. Alarmiert von den Schüssen hetzte die Ehefrau des Konsuls, Ana Pereira, ins Zimmer und stürzte sich schreiend auf die Attentäterin. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem die Frau, die immer noch die Pistole in der Hand hielt, ihre Perücke, die Handtasche und schließlich auch den Revolver verlor. Mit gezielten Karateschlägen konnte die Unbekannte die Gattin des Konsuls nach wenigen Sekunden zu Boden werfen.

Die Schüsse hatten allerdings das ganze Haus alarmiert und in Aufregung versetzt. Gellende Schreie: »Mörder, Mörder, Hilfe, Polizei, Polizei!« hallten durch das vornehme Treppenhaus. Die Bodyguards des auf der gleichen Etage gelegenen Generalkonsulats der Dominikanischen Republik hasteten mit der Waffe in der Hand auf den Flur, konnten aber nur noch den blonden Schopf der treppab fliehenden Attentäterin wahrnehmen. Mit einigen Kratzspuren im Gesicht, aber ohne jede Hast bestieg diese einen direkt vor dem Konsulat parkenden Opel Rekord. Der Mann am Steuer gab Gas, und der Wagen verschwand über die Heilwigstraße ungehindert in Richtung Innenstadt.

Triumph vor der Kamera
Neben der verlorenen Handtasche, dem Revolver und der Perücke hatte die Frau allerdings auch einen Zettel auf dem Schreibtisch des Konsuls hinterlassen. In dicken lila Lettern stand dort : »Victoria o Muerte - E. L. N.« Einen Tag später ging bei den internationalen Presseagenturen in La Paz das Kommunique der Nationalen Befreiungsfront Boliviens, ELN (Ejercito de la Liberacion Nacional) ein: »Wir haben im Auftrag unserer gefolterten und toten Kameraden, im Auftrag der abgeschlachteten Bergleute und des gedemütigten Volkes gehandelt. (...) Es war ein revolutionärer Justizakt. Der Kampf geht weiter. Sieg oder Tod.«

Der Konsul Roberto Quintanilla Pereira war einer jener Vertreter der südamerikanischen Oligarchien, an deren Händen das Blut unzähliger Ermordeter klebte. Bevor Pereira auf den Posten des Generalkonsuls nach Hamburg abgeschoben wurde, hatte er sich in seiner Heimat einen äußerst üblen Ruf erworben. Der Mann war jahrelang Oberst der bolivianischen Geheimpolizei und zeitweilig auch deren Chef. Von den Amerikanern in den 60er Jahren in der panamesischen Kanalzone zum Antiguerilla-Spezialisten ausgebildet, war er es, der die CIA im Oktober 1967 auf die Fährte Che Guevaras und seiner Guerilla-Gruppe im bolivianischen Dschungel brachte. Er war jener Militär, der auf dem Foto, das um die Welt ging, den Kopf des ermordeten Revolutionsführers Ernesto »Che« Guevara triumphierend in die Kameras hielt.

Mit eisenharter Repression ließ er seine Geheimpolizei gegen die streikenden Bergarbeiter Boliviens vorgehen und jede demokratische Opposition verfolgen. Als Geheimdienstchef in seinem Land unter dem Namen »Oberst Anaya« bekannt und gefürchtet, ließ er Hunderte von Oppositionellen verhaften und viele von ihnen ermorden. Er war ein beim Volk verhaßter Schlächter.


Roberto Quintanilla Pereira (hinter Che)

Besonders brutal ging er gegen die bewaffnete Fundamentalopposition, die Guerilleros der von Guevara gegründeten ELN vor. Vermeintliche und tatsächliche Untergrundkämpfer verschwanden einfach, wurden gefoltert und ohne Verfahren kurzerhand erschossen. Aber trotz gnadenloser Verfolgung gelang es den Militärs über Jahre nicht, die linke Opposition und die Guerilla völlig auszuschalten.

Im September 1969 hatte Pereiras Geheimpolizei dann noch einmal einen großen Erfolg. Den Todesschwadronen gelang es, den ehemaligen Stellvertreter Guevaras und nach dessen Tod auch sein Nachfolger als Führer der ELN, Aguido Peredo, genannt »lnti«, in La Paz aufzuspüren und bei einem Feuergefecht zu töten. Inti Peredo gehörte zu jenem Trupp Guerilleros, denen zwei Jahre zuvor die spektakuläre Flucht vor der CIA-geführten Soldateska im bolivianischen Dschungel gelungen war. Während die eine Truppe mit Che Guevara in einen Hinterhalt geriet, gefangengenommen und ermordet wurde, konnte die zweite Gruppe mit Inti Peredo entkommen. Nach dem Sieg der chilenischen Unidad Popular bereiteten sich Peredo und seine Genossen vom Chile des Salvador Allende und von Kuba aus auf die Rückkehr nach Bolivien vor. Basis ihrer erneuten Aktivität sollte diesmal der Dschungel der Städte sein. Seit Jahren kämpften vor allem die ausgeplünderten Miñeros der Silberminen einen erbitterten Kampf um soziale Rechte, angemessenen Lohn und ein menschenwürdiges Leben.

Mit an der Seite Inti Peredos und seit 1967 auch Mitglied der ELN war die deutsche Guerillera Monika Ertl. Die junge Frau kam Anfang der 50er Jahre zusammen mit ihrem Vater nach Bolivien. Der aus Bayern stammende Hans Ertl hatte sich einen Namen als Kulturfilmer, Kameramann und Anthropologe gemacht. Er hatte sich in Bolivien niedergelassen und im Grenzgebiet zu Chile eine Rinderfarm aufgebaut. Seine Tochter Monika heiratete Anfang der 60er Jahren einen deutschen Ingenieur, der in Chile für den US- amerikanischen Kupfermulti Kenencott Copper tätig war. Ein paar Jahre genoß sie in der Schickeria von Santiago das privilegierte Leben einer Borgeois, dann gab es einen entscheidenden Bruch in ihrem Leben. Immer häufiger suchte sie den Kontakt zur chilenischen Linken. Sie arbeitete in den Armenvierteln von Santiago und trennte sich schließlich Mitte der 60er Jahre von ihrem Mann, um sich ganz der revolutionären Arbeit zu widmen, 1967 schloß sie sich Guevaras ELN an.

Während der legendäre Guerillaführer, von den Lateinamerikanern respektvoll »Comandante America« genannt, auf verlorenem Posten im bolivianischen Dschungel kämpfte, erledigte sie in der High Society von La Paz Spionageaufträge und Kurierdienste für die Genossen im Untergrund. Nach der Ermordung von Che ging auch sie in den Untergrund und schloß sich der neu aufgebauten Gruppe um Inti Peredo an. An jenem Septembertag 1969, als Pereiras Geheimpolizei in La Paz den konspirativen Unterschlupf von »Inti« stürmte, war sie, seine Lebensgefährtin, im fünften Monat schwanger. Während »lnti« bei dem stundenlangen Feuergefecht starb, wurde Monika Ertl schwer verletzt. In der allgemeinen Aufregung und dem Durcheinander nach dem Sturm auf das kleine Haus gelang es zwei als Sanitäter verkleideten Genossen, die schwerverletzte Monika Ertl unter den Augen der Geheimpolizei aus dem Haus und damit vor ihrem sicheren Tod zu retten.

Abenteuerliche Flucht
Über La Paz wurde der Ausnahmezustand verhängt. Und doch schafften es die beiden Genossen im weißen Kittel und mit gestohlenem Krankenwagen, die verletzte Frau bei Einbruch der Dunkelheit in die italienische Botschaft zu bringen. Der Botschafter Italiens versicherte, die Schwerverletzte nicht an die Bolivianer auszuliefern und ihr im Gegenteil die notwendige medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Monika Ertl verlor das Kind. Ihren rechten Arm konnte sie nie wieder richtig bewegen, mehrere Geschosse hatten ihn zertrümmert. Nach sechs Monaten Pflege verließ sie konspirativ die Botschaft, um sich im sicheren Kuba vollständig regenerieren zu können.

Für die Brüder Fidel und Raul Castro war klar: Der Mörder Ernesto »Che« Guevaras und »lnti« Peredos, der verhaßte CIA-Agent und Guerillajäger Oberst Roberto Quintanilla Pereira, muß sterben. Ein Leben für ein Leben, und Monika Ertl sollte den Auftrag ausführen. Im Januar 1971 kam sie unter falschem Namen in London an. Sie wartete auf die letzte Entscheidung des Exekutivkomitees der ELN. Vorsichtig nahm sie Kontakt zu einem ihr vertrauten französischen Linksintellektuellen auf. Dieser besuchte sie mehrmals in London und brachte bei einem seiner Besuche auch die von ihr verlangten Waffen mit; eine Walther-Pistole, Kaliber 7,65, und einen Revolver Cobra 38 Special. Erst Mitte März weihte sie den Franzosen dann ein, was sie in Europa vorhatte - die Erschießung Pereiras. Als zweiten Mann, welcher den Anschlag absichern und den Fluchtwagen steuern sollte, hatte sie selbst den Franzosen ausgesucht.

Obwohl der längst ein etablierter Schriftsteller war, entschied er sich ohne Zögern mitzumachen. Auch aus Kuba wurde Zustimmung signalisiert.

Während die beiden Attentäter die Erschießung im Detail planten, war Oberst Pereira in seinem Heimatland heftig unter Druck geraten. Die linksliberale Militärregierung Boliviens unter dem »Arbeiterpräsidenten« Juan Torrez warf dem Oberst vor, 1969 an einem Attentat auf den damaligen »lndianer-Präsidenten« Boliviens, Rene Barrientos, beteiligt gewesen zu sein. Der Regierungschef, wegen seiner indianischen Abstammung im Volk beliebt, sollte angeblich durch einen Hubschrauberunfall ums Leben gekommen sein.

Der Verleger der linken Tageszeitung Hoy behauptete allerdings, Barrientos Hubschrauber sei von Pereiras Leuten im Auftrag der herrschenden Oligarchie abgeschossen worden. Kaum hatte der Verleger diese Behauptung aufgestellt und mit immer neuen Fakten in seiner Zeitung untermauert, wurden er und seine Frau ermordet aufgefunden.

Auch diesen Doppelmord soll Pereira befohlen haben. Zur gleichen Zeit war er in einen undurchsichtigen Waffendeal verwickelt, um dessen Aufklärung sich die Regierung bemühte. Demnach sollten Pereira und andere Militärs zusammen mit der CIA für 50 Millionen Dollar Waffen in Europa eingekauft und an die Israelis weitergeleitet haben, obwohl ein striktes Waffenembargo galt. Pereira soll mehrere Millionen Dollar an dem verbotenen Deal verdient haben. Bereits zum 28. Februar 1971, also einen Monat vor seinem Tod, hatte die bolivianische Regierung ihn als Konsul suspendiert und ihn aufgefordert, nach Bolivien zurückzukehren. Das wollte der Herr Konsul nicht, sondern zog es in Erwägung, in der Bundesrepublik Deutschland um politisches Asyl nachzusuchen. Das hätte gewiß auch Erfolg gehabt, denn speziell die BRD war in diesen Jahren bevorzugtes Asylland für Rechtsterroristen, Antikommunisten und Regierungsbanditen aus aller Welt. Aber die »revolutionäre Justiz« kam dem zuvor.

Mit Feltrinellis Waffe
Der Franzose - einst an der Seite Che Guevaras im bolivianischen Dschungel, wenig später Berater des französischen Präsidenten Mitterrand in Lateinamerika-Fragen - steuerte den Leihwagen sicher in Richtung Hannover und entsorgte die Pistole des Typs Walther mit einem gewaltigen Wurf in die Leine, Monika Ertl hatte ihren Auftrag erfüllt. Bis Bayern blieben die beiden noch zusammen. In Mittenwald trennten sie sich. Keiner sollte den anderen je wiedersehen.

Der Franzose gab den Leihwagen in München bei der Firma Herz ab, während Monika Ertl von Wien aus zurück nach Lateinamerika flog. In der BRD lief derweil die Fahndung nach der unbekannten Attentäterin auf Hochtouren. Der verlorene Revolver Cobra Spezial ergab eine erste Spur.

Nach Ermittlungen des Bundeskriminalamtes war die Waffe im Juli 1968 von dem italienischen Linksverleger und Millionär Giangiacomo Feltrinelli völlig legal in Mailand erworben worden. Der revolutionäre Verleger mit Waffenschein konnte allerdings dazu nicht mehr befragt werden. Er starb unter bis heute ungeklärten Umständen wenige Monate nach dem Hamburger Attentat, angeblich bei dem Versuch, in Mittelitalien einen Strommast mit Sprengstoff in die Luft zu jagen. Bis heute halten sich hartnäckig Gerüchte, daß der linke Verleger einem Mordanschlag der seinerzeit äußerst virulenten italienischen Rechten zum Opfer gefallen ist. Der Mann war mehr als unbequem, hatte doch sein Verlag nicht nur Bestseller wie »Dr. Schiwago« und »Der Leopard« im Programm, sondern verlegte auch Mao, Marcuse, Bakunin, Che Guevara oder die theoretischen Abhandlungen des Franzosen Regis Debray über den Guerillakampf in Lateinamerika. Tatkräftig, vor allem mit Geld, unterstützte er die revolutionären Bewegungen in Lateinamerika, war oft Gast in Kuba und der Freund Fidel Castros und Che Guevaras.

Ins Fadenkreuz der BKA-Fahnder gerieten kurzzeitig auch die Guerilleros der »Roten Armee Fraktion«, die gerade mit einer Reihe von militanten Aktionen in der BRD auf sich aufmerksam gemacht hatten. Aber die waren von dieser Aktion genauso überrascht wie begeistert. Sie hatten keine Ahnung, wer es gewesen war, und zu jener Zeit auch keine Verbindung zur bolivianischen ELN.

Zwei Jahre nach dem Attentat, am 14. Mai 1973, ging über die Ticker der internationalen Presseagenturen eine kurze Meldung: »Bei einem Feuergefecht zwischen linken Guerilleros und Spezialeinheiten der bolivianischen Polizei ist die aus Deutschland stammende 35jährige Monika Ertl zusammen mit zwei anderen Kämpfern der ELN in einem Armenviertel der Hauptstadt La Paz aufgespürt und erschossen worden.«

Quelle: http://www.jungewelt.de/1999/04-09/015.php
siehe auch jW-Dossier Hasta Siempre

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